kurs 12 2020 | FachMeinung

„In Häfen können wir Natur- und Artenschutz groß denken“

Interview mit Klaus Müller-Pfannenstiel, Geschäftsführer des Umwelt- und Landschaftsplanungs-Büros Bosch & Partner

Portrait Müller-Pfannenstiel

Klaus Müller-Pfannenstiel studierte an der Universität Gießen die Fachrichtung ’Umweltsicherung und Entwicklung ländlicher Räume‘. Jeweils vier Jahre war er tätig bei der Bundesforschungs­anstalt für Naturschutz und Landschaftsökologie (heute Bundesamt für Naturschutz) und bei einem Umweltplanungs- und Beratungsbüro in Bochum. Seit 1997 ist er Geschäftsführender ­Gesellschafter der Bosch & Partner GmbH mit Niederlassungen in München, Berlin, Hannover und Herne. Er arbeitet als Projektleiter u.a. bei FFH-Verträglichkeits- und Arten­schutzprüfungen, Umweltverträglichkeitsstudien, Umweltberichten und ­Landschaftsplänen, war und ist als Projektleiter, -koordinator und Berater bei Großprojekten tätig wie z.B. dem Ausbau des Flughafens Frankfurt/Main, dem Donauausbau und den Hochwasserschutzmaßnahmen im Abschnitt ­Straubing-Vilshofen. Zudem leitet er Forschungs­projekte zu umweltrelevanten Fragestellungen. Bosch & Partner hat in diesem Kontext im Auftrag des Umweltbundesamtes den Monitoringbericht 2019 zur Deutschen Anpassungsstrategie an den Klimawandel verfasst. Klaus Müller-Pfannenstiel ist weiterhin als Gutachter bei Qualitäts- kontrollen und Erörterungsterminen von Raumordnungs-/ Planfeststellungsunterlagen und -verfahren tätig und publiziert in Fach­büchern und -zeitschriften. Foto: Bosch&Partner

Am 29. Dezember 1993 tratz die Biodiversitätskonvention in Kraft, ein internationales Abkommen zum Schutz und Erhalt der Artenvielfalt. Die EU setzt dies in ihren Mitgliedsstaaten um, das Bayerische Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz hat hierzu eigens das Biodiversitätsprogramm Bayern 2030 aufgelegt. Auf dieser Basis integriert bayernhafen Artenschutz konsequent in Planung und Betrieb seiner Standorte. Für die umweltfachliche Begleitung mit an Bord ist der Landschaftsplaner Klaus Müller-Pfannenstiel, seit 1997 Geschäftsführender Gesellschafter der Bosch & Partner GmbH, einem national tätigen Umwelt- und Landschaftsplanungsbüro, das auch in der Umweltforschung tätig ist. Ein Gespräch über biologische Vielfalt an Hafen-Standorten.

Zielorientierte Umwelt- und Landschaftsplanung ist Ihr Metier. Welcher Anspruch leitet Sie in Ihrer Arbeit?

Klaus Müller-Pfannenstiel: Als Umwelt- und Landschaftsplanungs-Büro sind wir seit vielen Jahren auch in der Entwicklung von Methoden und Leitfäden tätig, unter anderem für das Umweltbundesamt, das Bundesamt für Naturschutz und das Bayerische Landesamt für Umwelt. Aus den gesetzlichen Vorgaben und den Strategien zur Erhaltung der biologischen Vielfalt leiten wir den fachlichen Anspruch für unsere Arbeit und für eine nachhaltige Landschaftsentwicklung ab. Zu Beginn einer jeden Zusammenarbeit wollen wir die Zielsetzung des Auftraggebers und das jeweilige Geschäftskonzept genau verstehen. In permanenter Rückkopplung mit unserem Kunden erarbeiten wir Vorschläge zur Lösung der jeweiligen Projektaufträge und entwickeln realistische Ziele, was sinnvollerweise umzusetzen ist. Nie geht es um eine Schablone, immer ist die Lösung zielorientiert an der jeweiligen Aufgabe zu arbeiten.

Welchen gesamtgesellschaftlichen Beitrag können die Maßnahmen der Umwelt- und Landschaftsplanung aus Ihrer Sicht zur Erreichung der Klimaziele leisten?

Zu unterscheiden ist zwischen Klimaschutz und Klimaanpassung. Im Klimaschutz geht es darum, Emissionen zu reduzieren und Lebensräume mit klimaökologischer Bedeutung zu schützen. So tragen an den bayernhafen Standorten beispielsweise bestehende Gehölze und auch Neupflanzungen zum Klimaschutz bei – ebenso wie die Nutzung der Verkehrsträger Bahn und Binnenschiff, die auf langen Strecken gegenüber dem Lkw deutlich weniger CO2 emittieren.

Handlungsfelder der Klimaanpassung sind vor allem Starkregenereignisse und die Erhöhung der Durchschnittstemperatur: Dagegen entwickeln wir zusammen mit unseren Auftraggebern zielgerichtete Maßnahmen. Gegen Starkregenereignisse nehmen wir zum Beispiel die Entsiegelung von Flächen vor, stärken Versickerungsflächen und reduzieren dadurch Hochwasserspitzen, indem auf das Einleiten von Niederschlägen über Kanalsysteme verzichtet werden kann. So schaffen wir an bayernhafen Standorten nicht-gewerblich genutzte Retentionsräume, die im Falle von Hochwasserereignissen überflutet werden können. Gegen die Temperaturerhöhung leisten wir einen Beitrag zum Beispiel durch Erhaltung von Korridoren für Frischluft- und Kaltluftströmungen.

Die EU-Kommission hat zum Erhalt der biologischen Vielfalt eine Initiative zur grünen Infrastruktur in den Mitgliedsstaaten angeregt. Die Bundesregierung hat die Aufstellung eines „Bundeskonzepts Grüne ­Infrastruktur“ beschlossen. Welcher Gedanke steckt dahinter?

„Grüne Infrastruktur“ bedeutet, dass Ökosysteme und ihre Leistungen genauso unverzichtbar für die Entwicklung eines Landes sind wie technische Infrastruktur: zum Beispiel durch Klimaregulation, den Erhalt der biologischen Vielfalt und durch Erholung und Erleben von Natur und Landschaft. Das Konzept der Grünen Infrastruktur geht über Klimaziele hinaus. Gemeint ist ein Netz von Flächen unterschiedlicher Nutzungen, die für Umwelt- und Naturschutz von besonderer Bedeutung sind. Was bei einer Stadt mit ihren Straßen, Gleisen und Wasserwegen funktioniert, lässt sich auch auf die Vernetzung „natürlicher Verkehrsachsen“ übertragen: So dienen beispielsweise Eisenbahn-Schottertrassen und Grünzäsuren an Hafen-Standorten dazu, Habitatverbunde zu bilden, wo sich Arten wie die Kreuzkröte oder Zauneidechse heimisch fühlen. In der Kombination aus Kernflächen mit Vorkommensschwerpunkten und einer Verbundstruktur lässt sich die Grüne Infrastruktur zielgerichtet weiterentwickeln.

Sie sind Partner für bayernhafen bei der Ökokonto-Zertifizierung. Was macht aus Ihrer Sicht das Besondere des Ökokontos aus? Worin liegt sein Wert?

Ein Ökokonto ist ein Flächenpool für potentielle und auch vorgezogen umgesetzte Ausgleichsflächen. Geführt wird es beim Landesamt für Umwelt, in Zusammenarbeit mit den Unteren Naturschutzbehörden. bayernhafen ist seit Januar 2020 als Ökokonto-Betreiber zertifiziert, als eine von nur 25 Organisationen in Bayern. Das Besondere am Ökokonto ist: Naturschutzfachliche Flächen und ihre Vernetzung, die aufgewertet werden können, erfahren eine Verzinsung von 3 % pro Jahr über einen Zeitraum von zehn Jahren. Das heißt, wer verfügbare Flächen für den Naturschutz durch vorgezogene Maßnahmen entwickelt, wird dafür honoriert. Die „Währung“ dieser Verzinsung für die Aufwertung des Schutzgutes Arten und Lebensräume sind „Wertpunkte“, deren Höhe je nach Maßnahmenart und -umfang variiert. So wie die Notenbank den Leitzins bestimmt, bestimmt die Bayerische Kompensationsverordnung mit der Biotopwertliste die Wertpunkte für den „Biotopwert“ der jeweiligen Ökokonto-Flächen. Und je frühzeitiger dem Naturschutz dienende Flächen entwickelt werden, desto werthaltiger werden sie. Ein echter Zinseszinseffekt zum Nutzen der Natur. So wertet bayernhafen seine Flächen auf und trägt gleichzeitig zur Umsetzung der EU-Biodiversitäts- und Artenschutz-Strategie des Freistaates Bayern bei – mit einer eigenen klaren Haltung, standortübergreifend.

Die einheitliche Eigentümerstruktur an den bayernhafen Standorten erlaubt eine ganzheitliche Flächenentwicklung, auch im Bereich ökologisch wertvoller Flächen. Was sind aus Ihrer fachlichen Sicht die Vorteile dieser Herangehensweise?

bayernhafen ist Eigentümer seiner Flächen – dies ermöglicht eine ganzheitliche Flächenentwicklung auch unter naturschutzfachlicher Sicht. Die Grüne Infrastruktur an den bayernhafen Standorten besteht eben nicht nur aus einem Patchwork kleiner Einzelflächen, sondern erlaubt die Entwicklung eines Gesamtflächenkonzepts, in dem die Teile unter einer Gesamtperspektive zusammengeführt werden. So entstehen zum Beispiel an Hafenstandorten Biotopverbunde von Gebüsch, Säume und Gehölze bewohnenden Vogelarten wie Dorngrasmücke, Gelbspötter, Neuntöter und Goldammer – alles europäisch geschützte Arten. Zudem sind Flüsse Orientierungsflächen beim Vogelzug: So dienen Hafenbecken auch als Zwischenstationen im Rast- und Fluggeschehen von Zugvögeln. Auch gewässergebundene Arten und vielfältige Pflanzenarten sind in Häfen heimisch.

Ist diese Herangehensweise vernetzter, ökologisch wertvoller Flächen auch auf andere Gewerbe- und Industriegebiete übertragbar?

Weil es in Gewerbe- und Industriegebieten in aller Regel viele einzelne Eigentümer gibt, die meist auch ein völlig unterschiedliches Grundverständnis zu Umweltfragen haben, ist dies schwierig. Die Möglichkeit, an Hafen-­Standorten Gewerbe- und Freiflächen ganzheitlich in den Blick zu nehmen, ist einzigartig. In Häfen geht es um eine in sich geschlossene Wertschöpfungskette für Natur- und Artenschutz auf möglichst großen, zusammenhängenden Freiflächen. Hier können wir Flächen eben nicht nur Klein-Klein betrachten, hier können wir Natur- und Artenschutz groß denken. Das zeigt die enorme Bedeutung, die Häfen – neben ihrer Kernaufgabe als Wirtschafts-Standorte und Drehscheiben im Dienste der Versorgungssicherheit – eben auch für den Natur- und Artenschutz haben.