kurs 12 2020 | TitelThema

Im Naturraum Hafen kommen alle zusammen

bayernhafen Flächen haben viele Nutzungen – eine davon ist der Artenschutz

Illustration Hafen

Wer an Hafenflächen denkt, sieht Hafenbecken, Kaimauern, Gleise und Straßen, Lagerflächen, Industrie-, Gewerbe- und Bürogebäude vor sich. Ist da noch Raum für Natur, für Lebensräume heimischer Tiere und Pflanzen? Ja. Denn bayernhafen nimmt die Vorgaben der UN-Biodiversitätskonvention und des Freistaates Bayern zum Artenschutz ernst und setzt diese konsequent um. Zudem bringt bayernhafen besondere Voraussetzungen für Fauna- und Flora-Biotope mit – und dies trotz und gerade wegen seiner Flächenstruktur. Ein Portrait des Naturraums Hafen.

Beweidung bayernhafen Bamberg
Luftbild bayernhafen Regensburg 2019

Was wir Menschen oft nur beiläufig bemerken, nutzen Tiere im Hafen als ihr Zuhause. So leben im Gebüsch und in kleinen Gehölzen Vögel wie die Dorngrasmücke, der Gelbspötter oder der Neuntöter. Zauneidechsen fühlen sich an Gleisschotterflächen pudelwohl, und an Kaimauern legen nicht nur Binnenschiffe an, sondern auch die Kreuzkröte. Da Zugvögel sich an Wasserläufen orientieren, legen sie jedes Jahr bei der Reise in den Süden und zurück in den Norden gerne Rast auch an Hafenbecken ein. Auch die heimischen Pflanzen finden auf unbebauten Freiflächen im Hafen gute Bedingungen vor – hier wachsen kleinere und größere Gehölzbestände oder wildwachsende Blühwiesen. All dies tut auch Bienen, Käfern, Libellen, Schmetterlingen und zahlreichen Insekten gut. „Natürlich sind die Industrie-, Gewerbe- und Verkehrsflächen an den bayernhafen Standorten unser Kerngeschäft“, sagt bayernhafen Geschäftsführer Joachim Zimmermann, „doch sie lassen sich ganz hervorragend mit Naturflächen verbinden. Multimodalität und Vielfalt sind auch hier die entscheidenden Leitgedanken. So verknüpfen wir Verkehrsträger, Relationen und Güterwege und übertragen diese Kompetenz auf die Vernetzung von Naturflächen. Dies stärkt uns als Wirtschaftsstandorte und sichert einer Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten nachhaltige Lebensräume.“

Konzeptentwurf von Bosch & Partner zu Zielbiotopen für das Ökokonto RegensburgKonzeptentwurf von Bosch & Partner zu Zielbiotopen für das Ökokonto Regensburg

Ein Ökokonto erhöht die Planungssicherheit und kann Verfahren zur Baurechts­erlangung beschleunigen.

Klaus Müller-Pfannenstiel, Bosch & Partner

Biotop- und Artenschutz an den bayernhafen Standorten

bayernhafen hat schon vor Jahren entschieden, das Leben der Tiere und Pflanzen an seinen Standorten naturschutzfachlich zu begleiten. Als Berater und Projektleiter mit an Bord ist dafür Klaus Müller-Pfannenstiel, Geschäftsführender Gesellschafter des renommierten Umwelt- und Landschaftsplanungsbüros Bosch & Partner GmbH. An den bayernhafen Standorten gibt es vier große Handlungsfelder:

  • bayernhafen ist seit Januar 2020 Ökokonto-Betreiber, zertifiziert vom Bayerischen Landesamt für Umwelt
  • bayernhafen verbindet und vernetzt Flächen zu artenreichen Habitatverbunden. Dazu gehören beispielsweise Gleisanlagen mit Schotterkörpern, die den Zauneidechsen ein Zuhause bieten, die Anbindung von Freiflächen ans Wasser der Hafenbecken und Gebüschsäume.
  • bayernhafen pflegt nachhaltig die Freiflächen im Hafen und hat dafür einen eigenen Landschaftspfleger im Team (siehe HafenBerufe Seite 13). Bosch & Partner konzipiert Freiflächen-Entwicklungskonzepte, die anschließend in Pflege- und Unterhaltskonzepte je bayernhafen Standort umgesetzt werden – nach dem Leitsatz „Wir fördern, entwickeln, gestalten“.
  • bayernhafen setzt bei der Entwicklung des Hafens die rechtlichen Vorgaben zur Prüfung der Umweltverträglichkeit und der Belange des Biotop- und Artenschutzes systematisch und verantwortlich um.
Beweidung bayernhafen Bamberg
Gemeinsame Begehung von bayernhafen, Bosch & Partner und Umweltamt in Regensburg.

Ökokonto für den bayernhafen Regensburg

bayernhafen plant, für weitere bauliche Entwicklungen an seinem Standort Regensburg ein Ökokonto anzulegen: auf eigenen, rund 16 ha großen Flächen zwischen der Äußeren Wiener Straße und dem südlichen Donauufer. So kann bayernhafen den erforderlichen naturschutzfachlichen Ausgleich vorzeitig durchführen und bevorraten. Im Rahmen dessen sollen geeignete Flächen aus naturschutzfachlicher Sicht aufgewertet werden – zum Beispiel durch Umwandlung von bisherigen Ackerflächen in einen auentypischen Gehölzbestand und extensive Grünlandbereiche. In zukünftigen baurechtlichen Verfahren können Ökokonto-Flächen dann zu Ausgleichs- oder Ersatzflächen umgewidmet werden. „So erhöht ein Ökokonto die Planungssicherheit und kann Verfahren zur Baurechtserlangung beschleunigen“, sagt Klaus Müller-Pfannenstiel.

bayernhafen setzt hier auf dem Flussraumkonzept der Stadt Regensburg auf. So sollen die donaunahen Freiflächen im Rahmen des Hochwasserschutzes zu Retentionsflächen entwickelt werden, z. B. über zusätzliche Flutmulden. Im Detail erarbeitet Bosch & Partner hier für bayernhafen ein Maßnahmenkonzept inklusive flächengenauer Darstellung von Zielbiotoptypen.

Aufgrund unserer einheitlichen Eigentümerstruktur haben wir immer das Ganze im Blick.

bayernhafen Geschäftsführer Joachim Zimmermann

Ökokonto für Dritte

Ökokonto-Flächen, die bayernhafen nicht zur Deckung eigener Bedarfe für Ausgleichs- oder Ersatzflächen benötigt, sollen in Form eines gewerblichen Ökokontos auch externen Vorhabenträgern zur Verfügung gestellt werden. In diesem Fall tritt bayernhafen als gewerblicher Ökokontobetreiber auf. Die dafür erforderliche Anerkennung durchs Bayerische Landesamt für Umwelt liegt seit Januar 2020 vor. Ebenfalls bereits in Vorbereitung sind Ökokonto-Flächen im bayernhafen Passau – naturschutzfachliches Ziel am Standort Passau-Schalding ist die Erweiterung der bereits vorhandenen Gehölzstrukturen und die Entwicklung von Hartholzauwald.

Habitatverbund-Konzept für den bayernhafen Aschaffenburg

Wer Habitate verbindet, sichert das Überleben von Tierarten – denn wenn Tiere die zwischen verschiedenen Lebensräumen liegende Fläche überwinden können, vernetzen sie sich und können ihre Populationen erhalten. Genau dies – ein sogenanntes „Habitatverbund-Konzept“ – wurde für die Kreuzkröte bereits für den größten Seehafen Europas, den Hafen Rotterdam, umgesetzt. Jetzt realisiert Klaus Müller-Pfannenstiel mit seinem Team ein solches Konzept auch für den bayernhafen Aschaffenburg.

So werden auf Freiflächen, die nicht als Ansiedlungsfläche genutzt werden, und auf temporären Brachen Ausgleichsflächen vorgezogen entwickelt und betroffene Arten aus Flächen, die für die Hafenentwicklung vorgesehen sind, auf diese Flächen umgesiedelt. Auf definierten Kernflächen und Trittsteinbiotopen erfolgen dann Artenschutzmaßnahmen. Die Kernflächen sind im Hafengebiet über Verbundstrukturen entlang der Bahnflächen und Kaimauern vernetzt; zusätzlich wird diese Vernetzung schrittweise optimiert. Diese „Wanderkorridore“ zwischen Habitaten sichern so den Erhaltungszustand der Kreuzkröte und der Zauneidechse.

Als weitere „schillernde“ Art ist in den Häfen die Blauflüglige ­Ödlandschrecke verbreitet, die besonders besonnte „Ruderal­fluren“ gerade auf den Brachflächen in den Häfen besiedelt.

In Eigenleistung setzt bayernhafen Aschaffenburg dazu konkrete bauliche Maßnahmen um: errichtet Schutzzäune entlang von Straßen und einen Amphibiendurchlass unter Wegen, erhält Höhlenbäume, legt Brachstrukturen, Gesteinsaufschüttungen und Totholzhaufen als Landlebensräume bzw. Winterhabitate an und schafft Laichgewässer. Wenn im Zusammenhang mit Baumaßnahmen notwendig, werden Kreuz­kröte und ­Zauneidechse innerhalb des bayernhafen Aschaffenburg auch umgesiedelt. Selbstverständlich finden Arbeiten zur Herrichtung von Baufeldern nur außerhalb der Fortpflanzungs- und Aufzuchtzeiten bzw. während der Winterruhe der Tiere statt.

Beweidung bayernhafen Bamberg
Ziegen und Merinoschafe übernehmen die Mäharbeiten verschiedener Grünflächen im bayernhafen Bamberg (im Bild) sowie in Aschaffenburg, Nürnberg und Regensburg.

Alle bayernhafen Flächen in einer Hand

Im Gegensatz zu klassischen Industrie- und Gewerbegebieten ist bayernhafen Eigentümer der Flächen an seinen Standorten. „Aufgrund unserer einheitlichen Eigentümerstruktur haben wir immer das Ganze im Blick“, sagt Joachim Zimmermann, „so haben wir es auch in der Hand, die naturschutzfachliche Ausprägung und Vernetzung von Flächen an unseren Standorten zu entwickeln und nachhaltig durchzuführen. Instrumente wie Ökokonto, Habitatverbund-Konzept und weitere naturschutzfachliche Maßnahmen setzen wir dafür zielgerichtet ein. So gestalten, pflegen, erhalten und vernetzen wir Flächen, die Bedeutung für den Natur- und Artenschutz haben.“

„Umweltprüfungen“

Nach den gesetzlichen Vorgaben ist für bestimmte Vorhaben die Umweltverträglichkeit zu prüfen. Die Regelungen des Bundesnaturschutzgesetzes sowie des Naturschutzgesetzes von Bayern machen es notwendig, die Betroffenheit von geschützten Biotoptypen und europäisch geschützten Arten zu prüfen. Hierzu werden wiederum Kartierungen durchgeführt und entsprechende umweltfachliche Planungsbeiträge erstellt. bayernhafen legt bei den jeweiligen Prüfungen die anerkannten Fachstandards zur Grundlage und sucht eine enge Abstimmung mit den zuständigen Genehmigungs- und Fachbehörden, um Zulassungsvorhaben beschleunigt und rechtssicher durchführen zu können. Sofern bestimmte Betroffenheiten von ­Biotopen und geschützten Tier- und Pflanzenarten eintreten, sind entsprechende Maßnahmen zu Kompensation zu ergreifen.

Naturschutzrechtliche Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen für den bayernhafen Nürnberg

Auch das Naturschutzgebiet „Sandgruben am Föhrenbuck“ und „Bayerntrasse“ am Stadtrand von Nürnberg wurde durch bayernhafen maßgeblich unterstützt – im Rahmen naturschutzrechtlicher Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen zum Bebauungsplan für den Zentralbereich im bayernhafen Nürnberg. Die gesamte Aufforstungsfläche beträgt stattliche 70.000 m2.

Joachim Zimmermann: „So tragen wir an unseren Standorten in mehrfacher Hinsicht zur Erreichung der Klimaziele bei: „von Hause aus“ durch die Verlagerung von Langstreckenverkehren auf die umweltfreundlicheren Verkehrsträger Binnenschiff und Bahn und zusätzlich durch naturschutzfachliche Maßnahmen wie Retentionsräume, Aufforstungen und Habitatverbunde. Klima- und Artenschutz gehen hierbei Hand in Hand – und wir werden unserer Verantwortung gerecht.“

Das Ökokonto

… ist laut Bayerischem Landesamt für Umwelt „ein Instrument zur vorgezogenen Sicherung und Bereitstellung von Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen, mit denen künftige Beeinträchtigungen von Natur und Landschaft ausgeglichen werden können. Es umfasst Konzepte zur Bevorratung von Flächen und zur Durchführung von Maßnahmen. … Ökokonten sind freiwillige Vorleistungen ohne rechtliche Bindungswirkung. So lange Ökokontoflächen nicht als Ausgleichsflächen „verbucht“ sind, ist auch noch eine anderweitige Verwendung möglich. Im Falle eines Eingriffs werden die Flächen eines Ökokontos zu Ausgleichs- oder Ersatzflächen umgewidmet. Sofern auf als geeignet eingestuften Flächen Maßnahmen durchgeführt werden, kann dies bis zur Abbuchung ökologisch verzinst werden.“

Ein Habitat

… ist ein charakteristischer Lebensraum (von lateinisch „habitare“) einer bestimmten Tier- oder Pflanzenart. Habitate bilden Teillebensräume in Biotopen – sie können weiter unterteilt werden in Nahrungs-, Laich-, Brut- und Nist-, Sommer- und Winter-Habitate.